24.02.2011 - Eröffnung des Hindemith-Kabinetts im frisch sanierten Kuhhirtenturm in Sachsenhausen

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Professor Dr. Felix Semmelroth
Dezernent für Kultur und Wissenschaft

Edwin Schwarz
Dezernent für Planen, Bauen, Wohnen und Grundbesitz


PRESSEINFORMATION
24.02.2011

Eröffnung des Hindemith-Kabinetts im frisch sanierten Kuhhirtenturm in Sachsenhausen

„Sachsenhausen ist um eine Attraktion reicher. Mit der Sanierung des Kuhhirtenturms als Erinnerungsstätte für den Komponisten Hindemith und Aufführungsort seiner Werke wird der Stadtteil auch ein neues interessiertes Publikum anziehen“, erklärt Kulturdezernent Professor Dr. Felix Semmelroth. „Zusammen mit dem benachbarten Paradieshof, der nach seinem Umbau Michael Quasts „Fliegende Volksbühne“ beherbergen wird, entsteht hier am östlichen Ende des Museumsufers ein kleines feines Kulturensemble. Zugleich ist dies ein Bekenntnis der Frankfurter Kommunalpolitik zur Stadtteilkultur.“

Kuhhirtenturm Frankfurt Sachsenhausen, Hindemith-Kabinett  © Fondation Hindemith, Foto: Mara Monetti 2011

Und Planungsdezernent Edwin Schwarz erklärt: „Die erfolgte Sanierung des einzigen noch erhaltenen Wehrturms in Sachsenhausen ist ein wahres Vorzeigeprojekt. Mit diesem Vorhaben haben wir erneut einen wichtigen Akzent gesetzt in unserem Bemühen, dem Viertel zu neuem Aufschwung zu verhelfen. Ich bin überzeugt, dass sich der alte Kuhhirtenturm schon bald zu einem neuen Markenzeichen Alt-Sachsenhausens und Frankfurts entwickeln wird.“

„Ich freue mich über diese wunderbare Kooperation mit der Stadt“, fügt Professor Hans-Dieter Resch, Frankfurter Ratsmitglied der Hindemith-Stiftung hinzu. „Nur gemeinsam konnte es gelingen, den Kuhhirtenturm, in dem Hindemith einige sehr glückliche und fruchtbare Jahre verbracht hat, zu einem Erinnerungsort für den bedeutendsten hessischen Komponisten umzuwandeln. Die hier begonnene intensive Zusammenarbeit zwischen Stadt, Hindemith Stiftung und Hindemith-Institut wird in Zukunft noch viel Gutes für den wichtigsten Komponisten Frankfurts und sein Publikum ergeben“, ist sich Professor Resch sicher.

Der Kuhhirtenturm in der Großen Rittergasse ist ein gotischer Wehrturm aus dem letzten Viertel des 14. Jahrhunderts. Seit Anfang 2010 wurde er im Auftrag der Stadt im Zuge des Förderprogramms zu Alt-Sachsenhausen nach Plänen von Jo. Franzke Architekten umgebaut, um dort eine öffentlich zugängliche Erinnerungsstätte für Hindemith zu schaffen. Die Einrichtung des sogenannten Hindemith-Kabinetts im Innern hat das Hindemith-Institut Frankfurt konzipiert und die Hindemith-Stiftung finanziert. Der Musiker lebte und arbeitete dort von 1923 bis 1927; im Kuhhirtenturm komponierte er unter anderem seine erste abendfüllende Oper Cardillac sowie zahlreiche kammermusikalische und konzertante Werke.
 

Ausstellung und Veranstaltungen

Kulturdezernent Prof. Dr. Felix Semmelroth und Planungsdezernent Edwin Schwarz stellten heute den aufwändig sanierten Kuhhirtenturm und die dort auf drei Etagen untergebrachte Dauerausstellung zu Leben und Werk Hindemiths sowie das Musikzimmer unter der Turmhaube vor. Die Dauerausstellung im ersten und zweiten Obergeschoss, die Reproduktionen zahlreicher Dokumente aus dem im Hindemith-Institut Frankfurt aufbewahrten Nachlass präsentiert, führt durch die verschiedenen Lebensstationen des Komponisten, ausgehend von Frankfurt, dem das erste Oberge-schoss gewidmet ist. Hier können sich Besucherinnen und Besucher mit einem Film zunächst einen Überblick verschaffen. Im zweiten Stock sind Originalexponate wie etwa Hindemiths Viola d’amore, ein privates Fotoalbum und seine Modelleisenbahn zu sehen. An einer Medienstation sind außerdem Werke Hindemiths von ihm selbst inter-pretiert zu hören. Raum für kleine Wechselausstellungen zu unterschiedlichen Themen gibt es im 3. Geschoss. Anlässlich des Projekts „Phänomen Expressionismus“ des Kulturfonds Frankfurt RheinMain ist die aktuelle Wechselausstellung dem Thema „Hindemith und der Expressionismus“ gewidmet. Das Musikzimmer mit Flügel ganz oben bildet den buchstäblichen Höhepunkt des Hindemith-Kabinetts, in dem die Konzertreihe „Kammermusik im Kuhhirtenturm“ und weitere Veranstaltungen stattfinden werden.

Termine für Konzerte und Führungen im Kuhhirtenturm können unter anderem dem Veranstaltungskalender unter www.kultur.frankfurt.de entnommen werden. Der Turm ist jeden Sonntag von 11 bis 18 Uhr geöffnet und kann außerdem auch nach telefonischer Vereinbarung mit dem Hindemith-Institut (Tel. 069/ 597 03 62) oder dem städtischen Kulturamt (Tel. 069/212 33 952) besichtigt werden. Der Eintritt beträgt 3 Euro, ermäßigt 1,50 Euro. Im Eintrittspreis enthalten sind zwei Broschüren: Eine zur Geschichte und baulichen Gestalt des Kuhhirtenturms, herausgegeben vom Stadtplanungs- und vom Kulturamt der Stadt Frankfurt sowie ein Ausstellungsführer zu Leben und Werk Hindemiths, herausgegeben vom Hindemith-Institut Frankfurt. Am kommenden Eröffnungswochenende, dem 26. und 27. Februar, ist das Hindemith-Kabinett im Turm kostenlos zu besichtigen.
 

Die Sanierung: Historisches und Bauliches zum Kuhhirtenturm

Der Kuhhirtenturm ist ein Ensemble aus Turm und Torhaus, ein Rest der mittelalterlichen Sachsenhäuser Befestigungsanlagen und der Stadtmauer. Der Kuhhirtentum, der im Volksmund ursprünglich aufgrund seiner Größe als „Elefant“ bekannt war, steht als Wahrzeichen des Viertels unter Denkmalschutz. Seinen Namen erhielt er wohl Anfang des 19. Jahrhunderts, als entschieden wurde, die Frankfurter Wehrtürme, die inzwischen ihre militärische Bedeutung verloren hatten, in Armenwohnungen umzuwandeln. In den „Elefanten“ zog zunächst der Sachsenhäuser Kuhhirte ein, später gab es auch andere Nutzer. Nach starken Schäden im Zweiten Weltkrieg wurde der Turm im Jahr 1957 saniert. Das Turmdach wurde erneuert und erhielt ein Dach in Balkenkonstruktion. Nach verschiedenen Nutzungen – zwischenzeitlich waren hier Jugendclubs und Wohnungen untergebracht – ist der Turm nun ein Ausstellungs- und Vortragsraum der Hindemith-Stiftung.

Brandschutzbestimmungen, Dämmungs- und Akustikerfordernisse, aber auch ästhetische Gründe machten eine Sanierung erforderlich. Dabei wurde die Fassade des Turms so rekonstruiert wie sie zu Hindemiths Zeiten in den 1920er Jahren aussah. Für die neue Nutzung des Kuhhirtenturms – dazu zählt auch das Torhaus, über dessen Durchfahrt die Paradiesgasse ursprünglich hinunter zum Main führte – sind folgende Räume entstanden: Im Erdgeschoss ein neuer Sanitärbereich, im 1. bis 3. Obergeschoss Ausstellungsräume und im 4. Obergeschoss mit Turmhaube ein Veranstaltungsraum etwa für Kammermusikkonzerte. Im 2. Obergeschoss gelangt man über einen offenen Verbindungsgang hinter der Treppe in den Raum über der Paradiespforte, der auch als Ausstellungsraum genutzt wird.

Das Satteldach über diesem Torraum wurde abgebrochen und der ursprünglichen Konstruktion entsprechend neu aufgebaut. Die Holzbodendielen und Holzfußleisten blieben wo möglich erhalten und wurden nach denkmalpflegerischen Gesichtspunkten und brandschutztechnischen Erfordernissen aufgearbeitet, ebenso die bestehende Holztreppe. Im 2. Obergeschoss wurde während der restauratorischen Voruntersuchung Wand- und Deckenputz mit Farbe aus der Hindemithzeit nachgewiesen. Dieser Raum ist als sogenanntes Hindemith-Zimmer wieder hergestellt; alle anderen Ausstellungsbereiche inklusive des Treppenraums sind in gebrochenem Kalkweiß gehalten. Im 4. Obergeschoss wurde der Turm aufgrund der vielfältigen Anforderungen an die Dachkonstruktion und die Nutzung neu entsprechend dem Vorkriegszustand schwarz verschiefert hergestellt. Es entstand ein großer offener Dachraum, der die akustischen und ästhetischen Anforderungen an einen Kammermusikraum erfüllt.

Die Putzflächen der Außenfassade des Turmes und des Torhauses wurden entfernt und denkmalgerecht aufgearbeitet, die Basaltsteinquader in den Ecken von Farbschichten befreit. Die Eingangstür und die Fensterläden wurden nach historischem Vorbild der 1920er Jahre rekonstruiert, die vorhandenen Fenster, die Außentreppe und die Metallgeländer aufgearbeitet. Die Sanierungskosten betragen insgesamt 800 000 Euro, die aus dem Förderprogramm für Alt-Sachsenhausen bestritten werden.
 

Hindemith und Frankfurt

1895 in Hanau geboren, kam Paul Hindemith 1905 als Zehnjähriger nach Frankfurt und lebte und arbeitete hier 22 Jahre lang. Als Stipendiat erhielt Hindemith seine geigerische Ausbildung am Hoch’schen Konservatorium und wurde 1916 – mit nur 20 Jahren – Konzertmeister des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters. Eine Stellung, die er erst 1923 aufgab, um ausschließlich als Komponist und Bratschist zu arbeiten. Nach Jugendjahren im Gallusviertel verließ Hindemith 1923 eine Wohnung in der Nähe der Frankfurter Oper, die er als Konzertmeister bezogen hatte, um in den Kuhhirtenturm in Sachsenhausen zu ziehen. Damals war er Mitglied des vom ihm 1922 gegründeten international renommierten Amar-Quartetts. 1924 heiratete er Gertrud Rottenberg, die Tochter seines langjährigen Opernchefs und Enkelin des ehemaligen Oberbürgermeisters Franz Adickes, die zu ihm in den seit vielen Jahren unbewohnten Turm zog. Diesen hatte er nach Zustimmung des Magistrats zuvor auf seine Kosten für 1000 Dollar (Inflationswährung!) renovieren lassen.

Im Turm entstanden das Konzert für Orchester op. 38 (1925), kammermusikalische und konzertante Werke sowie die Oper „Cardillac“ nach E.T.A. Hoffmann. 1927 folgte Hindemith einem Ruf an die Berliner Musikhochschule und verließ Frankfurt. Seine Mutter und seine Schwester lebten noch bis 1943 im Kuhhirtenturm. 1936 wurden Hindemiths Werke in Deutschland mit Aufführungsverbot belegt. Nach längeren Aufenthalten in der Schweiz, der Türkei und den USA emigrierte Hindemith 1940 in die USA und lehrte an der Yale University in New Haven. 1946 wurde er amerikanischer Staatsbürger. Ab 1947 kehrte er für ausgedehnte Europa-Besuche zurück, unterrichtete seit 1951 auch in Zürich und ließ sich 1953 in der Schweiz in der Nähe des Genfer Sees nieder. Er starb 1963 im Marienhospital in Frankfurt am Main.
 

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