2014 - Maragete Rabow: Störungen und Irritationen im öffentlichen Raum

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Unter dem Titel „Störungen und Irritationen im öffentlichen Raum“ lenkte Margarete Rabow mit einer Reihe von Aktionen und Performances den Blick auf die Geschehnisse in dem ehemaligen KZ-Außenlager 'Katzbach' in den Adlerwerken. So ließen sich am Mittwoch, 24. März 2014, zur Erinnerung an den Todesmarsch der Häftlinge des KZs Adlerwerke Personen an der Hauptwache zu Boden fallen, deren Umrisse dann mit Kreide nachgezeichnet wurden. Die allmählich verblassenden Umrisse verwiesen auf die gleichfalls zu verblassen drohenden Erinnerungen an die ermordeten Häftlinge. Diese Aktion, genannt „Fallen“, wurde fotografisch dokumentiert und auf die extra dafür eingerichtete Homepage der Künstlerin unter http://www.rabow-kz-katzbach.de gestellt.

Weitere Interventionen waren öffentliche Lesungen, zwei Konzerte und Stadtspaziergänge mit dem Titel „Versteckte Hinweise“.

Lesungen
Die erste Lesung war am Donnerstag, den 26. Juni 2014, ab 13.30 Uhr am Frankfurter Ostbahnhof im Bus 32 in Richtung Westbahnhof und umfasste im Anschluss weitere Transportmittel des Öffentlichen Personennahverkehrs. Gelesen wurde aus dem Buch „Wir lebten und schliefen zwischen den Toten“ von Ernst Kaiser und Michael Knorn, in dem das Leid der Inhaftierten im KZ-Außenlager „Katzbach“ geschildert wird. Rabows Intention war, die Fahrgäste mit der Lesung in ihrem Alltag zu überraschen und mit dem unsäglichen Leid des Nationalsozialismus zu konfrontieren. Diese Irritation hat funktioniert: „Besonders berührend ist es, wenn in einer voll besetzten Straßenbahn vollkommene Stille entsteht“, berichtete die Künstlerin. Sechs weitere Lesungen zu nachstehenden Terminen folgten: 14. Juli 2014 ab 18.30 Uhr am Startpunkt der Haltestelle „Ernst-May-Platz“ und am 7. September 2014 ab 15 Uhr von „Schießhüttenstraße“. Es fanden weiterhin Lesungen statt am: 15. Oktober 2014 ab 18:30 von „Ginnheim“ sowie am 11. November 2014. Eine weitere fand am 9. Dezember 2014 statt.

Konzerte
Am 27. und 28. Juni fanden im Rahmen des Kunstprojekts von Margarete Rabow, jeweils um 20 Uhr, zwei Konzerte des Frankfurter Frauenchors „Die Dissonanten Tanten“ im Gallustheater, Kleyerstraße 15, statt. Unter dem Motto „Gute Laune oder was?“ verfolgte das Konzertprogramm die Entwicklung der deutschen Populärmusik von 1925 – 45. Die Schlager aus der Zeit des Nationalsozialismus bedeuteten für den Zuhörer eine Gratwanderung: Einerseits steckte die Fröhlichkeit der Lieder an, andererseits irritierte genau das, wenn man den historischen Hintergrund einbezog. Zu hören waren unter anderem Schlager aus Berlin sowie Lieder von Berthold Brecht und Hanns Eisler. Weitere Informationen unter: www.die-dissonanten-tanten.de.

Stadtspaziergänge
Am 1. Juli lud Margarete Rabow um 18 Uhr zu einem ersten Stadtspaziergang ein. Start war das Gallustheater, Kleyerstraße 15, mit dem Ziel Hauptfriedhof und dem Besuch der Grabstätte der dort begrabenen 528 Todesopfer des KZ-Außenlagers „Katzbach“. Während des Spaziergangs wurden versteckte Hinweise in Form von Sonderpostkarten verteilt, die auf das Geschehen im KZ „Katzbach“ aufmerksam machen sollten. Es handelt sich um Künstlerpostkarten, auf denen „KZ Katzbach“ und ein QR-Code als Verlinkung zu weiteren Informationen standen. Ziel der Verteilung dieser versteckten Hinweise war es, die Neugier vieler Frankfurterinnen und Frankfurter zu wecken und über die Existenz und das Grauen in dem KZ-Außenlager „Katzbach“ aufzuklären. Weiterer Termin war der 4.8.2014, Start um 18 Uhr, am Gallus Theater, Kleyerstraße. Es folgte der 27.9.2014, Start um 11:30 Uhr, am Gallus Theater, Kleyerstraße.

Performance und Film
Außerdem wurden von Margarete Rabow in einer Performance die Namen der 528 Todesopfer, mit weißer Schulkreide auf einen öffentlichen Platz geschrieben und im Anschluss daran mit einer analogen 16 Millimeter Filmkamera Einzelbilder von den Namen gemacht. Der Film von rund 37 Sekunden Länge wurde an öffentlichen Orten gezeigt.

Der Titel des Films „528“ bezieht sich auf die Anzahl der Todesopfer des KZ Katzbach in den ehemaligen Adlerwerken, die auf dem Frankfurter Hauptfriedhof begraben wurden. Er entstand in der 10stündigen Performance im Mai an der Katharinenkirche. Der schwarz/weiß-Film mit Ton, 16mm (digitalisiert), wurde jeweils 15 Minuten im Loop gezeigt.

Margarete Rabow zeigte den Film „528“ in der Katharinenkirche/ Hauptwache und in folgenden Museen:
Katharinenkirche 11:00
Historisches Museum 12:30
Jüdisches Museum 14:00
Deutsches Filmmuseum 15:30
Weltkulturen Museum 17:00
Die Künstlerin war in allen Museen anwesend.

Zudem war er an allen Beamer-Flächen in den U- Und S-Bahnstationen zu sehen.

Außerdem lief der Film in folgenden Kinos jeweils vor den Hauptfilmen:
Mal Sehn Kino, Adlerflychtstraße 6
Orfeo´s Erben, Hamburger Allee 45
Filmforum Höchst, Emmerich Josef Straße 46a
Filmtheater Valentin, Bolongarostraße 105

„Du warst überhaupt nichts. Du warst ein Werkzeug. Aus!“
ABSCHLUSSVERANSTALTUNG

„Störungen und Irritationen im Öffentlichen Raum“
Kunstaktion gegen das Vergessen 2014 von Margarete Rabow

PROGRAMM:
Szenische Lesungen*
Film-Dokumentationen
Zeitzeugenbericht
Gesprächsrunde
mit der Künstlerin und ihrem Team.

Datum: Sonntag, 14.12.2014, um 15 Uhr, Historisches Museum Frankfurt, Sonnemann-Saal

*nach Texten aus : E. Kaiser/ M. Knorn „Wir lebten und schliefen zwischen den Toten“

Mit der neunten und letzten Lesung verabschiedete sich Margarete Rabow aus dem Projektjahr „Störungen und Irritationen im öffentlichen Raum“.

Innerhalb dieser Abschlussveranstaltung wurden Sequenzen aus den vorangegangenen Aktionen eingespielt.

2015 folgten Disskussionsrunden mit der Künstlerin, in der sie ihr Projekt vorstellte.
 

Über die Künstlerin:

Biografische Angaben Margarete Rabow
Margarete Rabow (geb. 1955 in Lich/ Hessen) arbeitet als freischaffende Künstlerin und Filmemacherin in Frankfurt am Main. Sie absolvierte in Wien bei Friedl Kubelka an der Schule für Künstlerische Photographie und der Schule für Unabhängigen Film.

Seit 2010 ist Rabow filmschaffend tätig und bei Deutschen Filmfestivals und in Kinos vertreten. Die Werke Rabows wurden in zahlreichen Gruppen- und Einzelausstellungen in Deutschland und Österreich gezeigt. Die tragische Familiengeschichte der Künstlerin prägt ihr Schaffen:
„Mein Großvater war Jude, wurde am 10.11.1938 in Wetzlar verhaftet und über Frankfurt nach Buchenwald verschleppt. Er war Opfer der sogenannten „Judenaktion“, bei der circa 30.000 jüdische Männer in Deutschland verhaftet und in die KZs Dachau, Sachsenhausen und Buchenwald verschleppt wurden. Er wurde nach einigen Wochen entlassen und kehrte an Leib und Seele zerstört nach Hause zurück. Eine Schiffspassage nach Schweden ließ er verfallen und starb 1942 an den Folgen der Lagerhaft im Jüdischen Krankenhaus in Frankfurt. Mein Onkel wurde 1944 verhaftet und in das KZ Buchenwald überstellt. Er überlebte den Todesmarsch von Ohrdruf, bei dem es nicht nur zu Misshandlungen und Tötungen durch die SS kam, sondern auch zu brutalen Übergriffen von Seiten der Zivilbevölkerung. Er wurde von den Amerikanern am 11.4.1945 befreit, starb aber 1949, mit nur 27 Jahren ebenfalls an den Folgen der Lagerhaft. Mein Vater und seine drei Brüder wurden zur Zwangsarbeit herangezogen und überlebten nur durch den glücklichen Umstand, dass die Straßen nach Mittelbau Dora, ein Außenlager des KZ Buchenwald, zerstört und sie dorthin nicht mehr überstellt werden konnten. Man überließ sie einer Firma Jung in Clausthal Zellerfeld, die die Straßen reparieren sollte.“
 

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